# Nächster Halt: Abend-HTL für Elektrotechnik

Interview mit Rabia Özerdem (2ABET), Gleismeisterin und Lehrlingsausbilderin bei den ÖBB

Vom Lehrling zur Gleismeisterin und heute Ausbilderin – ich habe viele Jahre auf Baustellen gearbeitet, oft als einzige Frau im Team, und kenne die Praxis aus erster Hand. Durch meine Erfahrungen bei den Wiener Netzen sowie in großen Projekten auf Führungsebene bringe ich fachliche Kompetenz, Verantwortungsbewusstsein und Durchsetzungsstärke mit. Heute gebe ich mein Wissen weiter und möchte insbesondere junge Frauen dazu motivieren, ihren Weg in technischen Berufen zu gehen. Gleichzeitig bilde ich mich laufend weiter und absolviere aktuell die Abendschule, um meine Matura nachzuholen. Ich bin ein Beispiel dafür, wie weit man es mit Einsatz, Mut und Zielstrebigkeit schaffen kann.

Hinter diesen auf Rabia Özerdems LinkedIn-Profil zu lesenden Zeilen steckt nicht einfach ein Lebenslauf – hinter diesen Zeilen steckt eine Geschichte. Eine Geschichte über Mut, über Sprachen und Baustellen, über Gleise und Bibliotheken, über eine Frau, die ihren Weg gegangen ist, auch wenn er manchmal steinig war. Wir haben Frau Özerdem gebeten, uns diese Geschichte zu erzählen.

Frau Özerdem, nach der Pflichtschule haben Sie drei Jahre lang die HTL Ettenreichgasse besucht. Warum haben Sie sich damals für eine HTL entschieden – und dann vorzeitig aufgehört?

Die Entscheidung für die HTL war eigentlich keine schwierige: Mathematik und technische Themen haben mich schon immer fasziniert. Ich bin mit neun Jahren nach Österreich gekommen – in eine neue Welt mit einer neuen Sprache. Aber Mathematik brauchte keine Übersetzung.

Das war das Fach, in dem ich mich von Anfang an sicher und zuhause gefühlt habe. Mein Mathematiklehrer in der Hauptschule, Herr Trauner, hat dieses Feuer in mir gesehen und mir zugetraut, eine technische Schule zu besuchen. Das hat mich sehr geprägt.

Dazu kommt, dass ich das Handwerkliche von klein auf geliebt habe. Mein Vater ist Maurer und ich durfte ihm immer helfen. Diese Stunden, in denen etwas Konkretes entstand, haben mir große Freude bereitet.

Das Aufhören war keine leichte Entscheidung – und schon gar keine leichtfertige. Ich habe es lange versucht. Aber ich hatte damals noch erhebliche Schwierigkeiten mit Englisch. Wer gleichzeitig Deutsch, Türkisch und dann auch noch Englisch lernen muss, der spürt irgendwann, dass die Kraft nicht für alles reicht. Ich habe mir das selbst sehr lange nicht eingestanden. Irgendwann musste ich es aber tun.

Als Sie nach Österreich kamen, konnten Sie weder Deutsch noch Englisch. Wie war das?

Es war eine große Umstellung – für uns alle. Mein Vater war als Gastarbeiter nach Österreich gekommen, zuerst nach Salzburg, dann nach Wien, und hatte eigentlich geplant, irgendwann in die Türkei zurückzukehren. Aber meine Mutter wollte das nicht. Sie wollte uns – mir und meinen drei Schwestern – ein freies Leben ermöglichen. Eine offene Zukunft. Und sie hat alles dafür gegeben: buchstäblich ihr gesamtes Gold verkauft, um die Flugtickets zu bezahlen und meinen Vater zu überzeugen. Rückblickend hatte sie vollkommen recht.

Meine Eltern waren immer sehr offen und haben uns nie eingeschränkt. Es hieß nie: „Du bist Türkin“ oder „Du bist Muslima, das darfst du nicht.“ Wir durften alles ausprobieren, alles träumen. Meine Mutter hat jahrelang als Putzfrau gearbeitet – und uns immer wieder gesagt, dass wir etwas aus uns machen sollen. Das vergesse ich nie.

Wenn ich gefragt werde, wie ich so gut Deutsch gelernt habe, dann erzähle ich immer dieselbe Geschichte: Meine Mutter hat uns erlaubt, die Bibliothek zu besuchen – aber nicht einfach in den Park zu gehen. So habe ich meine ganze Jugend in der Bibliothek Rochusgasse verbracht. Ich habe unzählige Bücher gelesen, weil ich die Sprache wirklich lernen wollte – aus echtem Interesse, nicht aus Pflicht. Das war mein Weg. Und er hat funktioniert.

Heute arbeiten zwei meiner Schwestern im AKH, die dritte macht die HAK. Ich glaube, das sagt alles über unsere Mutter.

Nach dem HTL-Abbruch haben Sie eine Lehre bei den ÖBB begonnen – als Elektro- und Gebäudetechnikerin mit Zusatzmodul Eisenbahnsicherungstechnik. Wie kam es dazu?

Ich hatte schon als Kind eine Schwäche für die Eisenbahn. Es war mehr als ein Interesse – es war eine echte Faszination. Und als ich dann einen Zeitungsartikel über Frauen in der Technik gelesen und mit einem Professor gesprochen habe, hat sich das in mir festgesetzt. Ich habe mich bei den ÖBB beworben.

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als Herr Andreas Kessler angerufen und mich zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen hat. Dieser Anruf hat mich sehr gefreut. Was ich damals nicht ahnen konnte: Jahre später würden wir uns wieder gegenübersitzen – nicht für meine Bewerbung als Lehrling, sondern für meine Bewerbung als Ausbilderin. Dieser Kreis, der sich da geschlossen hat, ist für mich bis heute etwas sehr Besonderes.

Nach dem Lehrabschluss haben Sie sich umfassend weitergebildet – von der Sicherungsposten- und Sicherungsaufsicht mit Bauaufsichtskurs über die Vorarbeiterqualifikation und die Gleisaufseherin bis hin zur Gleismeisterin. Warum sind Sie dann 2024 zu den Wiener Netzen gewechselt?

Ich wollte mich weiterentwickeln – beruflich und persönlich. Ich war 29 Jahre alt, hatte als Technikerin bereits einige Erfahrung gesammelt und verspürte den Drang, noch einmal etwas wirklich Neues kennenzulernen. Vor allem wollte ich meine Wurzeln als Elektrotechnikerin wieder stärker in den Vordergrund stellen.

Rückblickend war es eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Bei den Wiener Netzen habe ich nicht nur fachlich enormes Wissen aufgebaut, sondern bin auch als Mensch gewachsen. Ich konnte mit Behörden zusammenarbeiten, die Geschäftsführerin ins Rathaus begleiten und sogar Einblicke in Gerichtsverhandlungen gewinnen. Das sind Welten, in die man in einem normalen Berufsalltag kaum Einblick bekommt. Diese Zeit war intensiv, manchmal fordernd – aber außerordentlich lehrreich. Und das Schönste: Vieles davon kann ich heute an meine Lehrlinge weitergeben.

Dennoch sind Sie nach knapp eineinhalb Jahren zu den ÖBB zurückgekehrt. Was hat den Ausschlag gegeben?

Ganz ehrlich? Die Eisenbahn hat mir einfach gefehlt. Ich hatte weiterhin Kontakt zu meinem ehemaligen Ausbilder Herrn Smolka, und ein Gespräch mit einer engagierten Kollegin hat mich ins Nachdenken gebracht.

Herr Smolka hatte mir schon vor Jahren gesagt, dass ich ernsthaft darüber nachdenken sollte, selbst Ausbilderin zu werden. Damals habe ich darüber gelacht. Irgendwann habe ich es ernst genommen.

Die Eisenbahn war für mich nie nur ein Job. Es war immer auch eine Leidenschaft. Gleise, Baustellen, Vermessung – als das nicht mehr Teil meines Alltags war, hat sich eine Lücke aufgetan. Heute bin ich wieder dort, wo ich einmal begonnen habe – aber diesmal auf der anderen Seite: als Ausbilderin. Darauf bin ich wirklich stolz. Und noch etwas erfüllt mich mit Stolz: Ich bin österreichweit die erste Gleismeisterin, die in dieser Funktion als Ausbilderin tätig ist.

Nach der ersten Woche habe ich meiner Mutter gesagt: „Mama, ich fühle mich wieder daheim.“ Sie hat verstanden, was ich meinte.

Wie stark wurden Ihre Weiterbildungen gefördert – und wurden Sie aktiv gefragt oder haben Sie sich selbst beworben?

Beides. Teilweise habe ich selbst die Initiative ergriffen, teilweise wurde ich auch gefragt. Schon während meiner Lehrzeit gab es Karrieretage, bei denen ich verschiedene Bereiche kennenlernen konnte. Dort bin ich erstmals wirklich mit der Gleisbautechnik und der Vermessung in Berührung gekommen – und war sofort begeistert.

Was mich bis heute beeindruckt und bewegt: Bei den ÖBB bekommt man wirklich Chancen, wenn man Interesse zeigt und bereit ist, an sich zu arbeiten. Das ist keine Floskel – das habe ich selbst erlebt. Die meisten meiner Weiterbildungen habe ich am ÖBB-Bildungscampus in St. Pölten absolviert, einem großartigen Angebot, das ich nur wärmstens weiterempfehlen kann.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch unsere Vorständin Mag.a Silvia Angelo ausdrücklich erwähnen. Sie ist ein Vorbild – nicht nur wegen ihrer Position, sondern weil sie aktiv und sichtbar dafür eintritt, Frauen in der Technik zu fördern. Es ist eine echte Motivation zu wissen, dass an der Spitze unseres Unternehmens eine Frau steht, der dieses Thema nicht nur am Herzen liegt, sondern die auch konkret handelt. Das gibt uns Frauen im technischen Bereich enorm viel Rückhalt.

Wurden Ihre Erwartungen an die Abend-HTL bisher erfüllt?

Ehrlich gesagt wurden meine Erwartungen sogar übertroffen. Ich bin wirklich sehr zufrieden mit der HTL Wien West. Das Schulklima ist herzlich, die Professorinnen und Professoren sind engagiert und menschlich und der Abteilungsvorstand macht seine Arbeit mit großer Sorgfalt.

Besonders möchte ich Frau Professor Gruber hervorheben. Sie hat es geschafft, mir in kurzer Zeit die Angst vor Englisch zu nehmen – und das nach all den Jahren, in denen mich die Angst vor dieser Sprache begleitet und manchmal auch gebremst hat. Das bedeutet mir sehr viel. Ich darf sogar – soweit ich weiß als erste Abendschülerin überhaupt – an der von ihr organisierten Sprachreise nach Irland teilnehmen. Das wäre für mich früher undenkbar gewesen.

Wie vereinbaren Sie Vollzeitarbeit und Abendschule?

Es ist anstrengend – das möchte ich nicht schönreden. Manche Abende sind lang, und manchmal fragt man sich schon, ob man es sich nicht leichter machen könnte. Aber dann denke ich daran, warum ich das tue, und die Müdigkeit tritt in den Hintergrund.

Ich bin sehr motiviert, die HTL diesmal abzuschließen. Dieser Abschluss ist für mich nicht nur ein Blatt Papier – er ist ein Versprechen, das ich mir selbst gegeben habe. Und danach? Da möchte ich auch den Ingenieur-Titel erwerben. Nicht weil es jemand von mir erwartet, sondern weil ich in den vergangenen Jahren selbst erlebt habe, wie viel Entwicklung in einem Menschen stecken kann.

Sie könnten es sich einfacher machen und die Berufsreifeprüfung ablegen, die auch als „Lehre mit Matura“ beworben wird.

Das ist nicht dasselbe wie eine HTL-Matura – und das meine ich ohne jeden Hochmut. Es ist einfach eine Tatsache. Nicht umsonst besuchen auch AHS- und HAK-Maturantinnen und -Maturanten die Abend-HTL, obwohl sie bereits eine Matura haben. Sie selbst sagen, dass der HTL-Abschluss etwas Besonderes ist – und dass er im Berufsleben Türen öffnet, die sonst geschlossen bleiben. Das erlebe ich auch so.

Sie haben bei den ÖBB und den Wiener Netzen oft als einzige Frau im Team gearbeitet. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht – und was nehmen Sie davon mit in Ihre Arbeit als Ausbilderin?

Diese Erfahrungen haben mich geformt – und ich wäre ohne sie nicht die Ausbilderin, die ich heute bin. Wenn ich Mädchen in meinen Klassen sehe, dann kann ich ihnen nicht nur Ratschläge geben. Ich kann ihnen aus eigener Erfahrung erzählen, wie sich das anfühlt. Und ich kann ihnen zeigen, dass es geht.

Es war nicht immer leicht. Anfangs wurde mir manches weniger zugetraut. Ich musste mich beweisen – nicht einmal, sondern immer wieder. Positiv in Erinnerung geblieben ist mir unter anderem ein Standortleiter, der sehr darauf geachtet hat, dass ich mich in gewissen Situationen wohlfühle. Es sind manchmal kleine Gesten, die zeigen, ob jemand Respekt wirklich lebt oder nur davon spricht. Diese kleinen Gesten vergisst man nicht.

Was kann man tun, damit mehr Frauen technische Berufe ergreifen?

Vorbilder sichtbar machen. Das ist der wichtigste Punkt. Junge Frauen müssen sehen, dass Technik auch für sie ein Zuhause sein kann – und dafür brauchen sie Menschen, in denen sie sich wiederfinden. Ich versuche selbst, ein derartiges Vorbild zu sein.

Ich glaube, dass sich in den letzten Jahren wirklich viel verändert hat. Bei den ÖBB habe ich immer gespürt, dass Frauen aktiv gefördert werden. Ein Thema, bei dem aus meiner Sicht aber nach wie vor Handlungsbedarf besteht, ist die Gleichbezahlung. Besonders Frauen in technischen Berufen sollten nicht benachteiligt werden – das ist eine Frage der Gerechtigkeit, nicht nur der Gleichstellung.

Und dann möchte ich noch etwas sagen, das mir wirklich am Herzen liegt: Gebt nicht auf. Ich bin der Beweis, dass es keine gerade Linie braucht. Es darf Umwege geben. Es darf schwierige Phasen geben. Was zählt, ist, dass man weiß, was man will – und dass man bereit ist, dafür zu arbeiten.


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